Abhandlungen über die Fabel

Produced by Delphine Lettau

This book content was graciously contributed by the Projekt-DE.

That project is reachable at the web site http://spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom “Projekt-DE”
zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://spiegel.de/ erreichbar.

Abhandlungen über die Fabel

Gotthold Ephraim Lessing

Inhalt:

  I. Von dem Wesen der Fabel

 II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel

III. Von der Einteilung der Fabeln

 IV. Von dem Vortrage der Fabeln

  V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen

I. Von dem Wesen der Fabel

Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heißt
seine Fabel. So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopee,
durch das Drama herrschen läßt, die Fabel seiner Epopee, die Fabel
seines Drama.

Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die
sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine
Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet.

Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner
Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine
gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gründet, deren ich in der
Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, daß
ich sie, auf gut Glück, bei meinen Lesern voraussetzen dürfte.

Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfällen.
Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfälle meistens erdichtet
oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloß an diese
oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht.
Diese begnügten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die
erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erläutert zu haben; wenn jener noch
über dieses die Ähnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem
gegenwärtigen wirklichen Vorfalle faßlich machen und zeigen mußte, daß
aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen
Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiß ergeben
werde.

Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und
(zusammengesetzte) Fabeln.

(Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit
derselben bloß irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.—”Man
machte der Löwin den Vorwurf, daß sie nur ein Junges zur Welt brächte.
Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Löwen.”[1]—Die Wahrheit, welche
in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all’ aerth,
leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich
es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse.

{Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.}

(Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie
uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder
doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird.
—”Ich mache, sprach ein höhnischer Reimer zu dem Dichter, in einem
Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht,
nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!”—Man mache
dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird
(zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln,
aus (zwei) einzeln Fällen, in welchen beiden ich die Wahrheit
ebendesselben Lehrsatzes bestätiget finde.

Diese Einteilung aber—kaum brauche ich es zu erinnern—beruhet nicht
auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloß
auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel
schon hat man es ersehen, daß ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald
(zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von
dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel.

—- Hoc scriptum est tibi,

Qui magna cum minaris, extricas nihil.

Ein jeder, ohne Unterschied, der große und fürchterliche Anstalten
einer Nichtswürdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen
sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor,
von allen möglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm
(Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten)
Fabel, indem er einen gebärenden schlechten Poeten zu dem besondern
Gegenbilde des kreisenden Berges macht.

Ihr Götter rettet! Menschen flieht!

Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen,

Und wird itzt, eh man sich’s versieht,

Mit Sand und Schollen um sich schmeißen etc.

———-

Pages: First | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | ... | Next → | Last | Single Page