Moni der Geißbub

Produced by Delphine Lettau

This Etext is in German.

This book content was graciously contributed by the Projekt-DE.

That project is reachable at the web site http://spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom “Projekt-DE”
zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://spiegel.de/ erreichbar.

Moni der Geißbub

Erzählung

Johanna Spyri

1. Kapitel

Der Moni fühlt sich wohl

Um zu dem Badehaus Fideris zu gelangen, muß man steil und lang die
Höhe hinaufsteigen, nachdem man die Straße verlassen hat, die sich
durch das lange Tal des Prättigau nach oben schlängelt. So mühsam
keuchen dann die Pferde den Berg hinauf, daß man lieber aussteigt und
zu Fuß die grüne Höhe erreicht.

Nach einem längeren Anstieg kommt man erst zum Dorf Fideris, das auf
der freundlichen, grünen Anhöhe liegt. Von da geht es weiter in die
Berge hinein, bis das einsame Gebäude des Badeortes auftaucht, überall
von felsigen Höhen umgeben. Dort oben wachsen nur noch Tannen, die
die Höhen und Felsen ringsum bedecken. Es sähe alles ziemlich düster
aus, wenn nicht überall aus dem niederen Weidegras die schönen
Bergblümchen mit ihren glänzenden Farben hervorguckten.

An einem hellen Sommerabend traten zwei Damen aus dem Badehaus und
gingen auf dem schmalen Fußweg dahin, der unweit des Hauses beginnt
und bald sehr steil bis zu den hoch anfragenden Felsen hinaufsteigt.
An dem ersten Vorsprung blieben sie stehen und schauten um sich, denn
sie waren eben erst in dem Bad angekommen.

“Lustig ist’s nicht hier oben, Tante”, sagte jetzt die Jüngere, indem
sie die Landschaft betrachtete. “Lauter Felsen und Tannenwälder und
dann wieder ein Berg und noch einmal Tannen darauf. Wenn wir sechs
Wochen hier bleiben sollen, dann wollte ich, es wäre hier und da auch
noch etwas Lustigeres zu sehen.”

“Lustig wird’s jedenfalls nicht sein, wenn du hier oben dein
Brillantenkreuz verlierst, Paula”, entgegnete die Tante, während sie
das rote Samtband zusammenknüpfte, an dem das funkelnde Kreuz hing.
“Es ist das drittemal, daß ich das Band festmache, seit wir angekommen
sind. Ich weiß nicht, wo es fehlt, ob an dir oder an dem Band, aber
das weiß ich, daß du jammern wirst, wenn es verloren ist.”

“Nein, nein”, rief Paula lebhaft aus, “das Kreuz darf nicht
verlorengehen, um keinen Preis, es ist noch von der Großmutter und ist
mein größter Schatz!”

Paula ergriff selbst noch das Band und machte zwei, drei Knoten hinein,
damit es festhalte. Plötzlich spitzte sie die Ohren. “Hör, hör,
Tante, jetzt kommt aber wirklich etwas Lustiges.”

Hoch oben erscholl ein fröhlicher Gesang. Zwischendurch kam ein
langer, schallender Jodler, dann wurde wieder gesungen. Die Damen
schauten aufwärts, konnten aber nichts Lebendiges entdecken. Der
Fußweg ging in großen Serpentinen, oft zwischen hohem Gebüsch und
wieder zwischen vorstehenden Bergabhängen durch, so daß man von unten
immer nur kurze Stückchen davon erblicken konnte. Aber jetzt wurde es
plötzlich lebendig auf dem Pfad, oben und unten, auf allen Stellen, wo
der schmale Weg gesehen werden konnte, und immer lauter und näher
tönte der Gesang.

“Sieh, sieh, Tante, dort! Hier! Sieh da! Sieh da!” rief Paula mit
großem Vergnügen. Und ehe die Tante sich’s versah, kamen drei, vier
Geißen in Sprüngen daher und immer mehr, immer mehr, und jede hatte
ein Glöcklein am Hals. Die läuteten von allen Seiten her, und mitten
in einem Rudel kam der Geißbub herabgesprungen und sang eben noch sein
Lied zu Ende:

“Und im Winter bleib ich fröhlich,

Weil’s Weinen nichts nützt,

Und weil ihm sowieso der Frühling

Auf den Fersen schon sitzt.”

Dann ließ er einen ungeheuren Jodel erschallen. Und auf einmal stand
er mit seinem Rudel dicht vor den Damen, denn mit seinen nackten Füßen
sprang er genauso flink und leise wie seine Tierchen.

“Guten Abend wünsche ich”, sagte er, indem er die beiden lustig
anschaute, und wollte weiterziehen. Aber der Geißbub mit den
fröhlichen Augen gefiel den Damen. “Wart ein wenig”, sagte Paula,
“bist du der Geißbub von Fideris? Hast du Geißen aus dem Dorf unten?”

“Ja natürlich”, war die Antwort.

“Gehst du alle Tage mit ihnen da hinauf?”

“Ja freilich.”

“So, so, und wie heißt du denn?”

“Moni heiße ich.”

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