Vom This, der doch etwas wird / Erzählung

Produced by Delphine Lettau

This Etext is in German.

This book content was graciously contributed by the Projekt-DE.

That project is reachable at the web site http://spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom “Projekt-DE”
zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://spiegel.de/ erreichbar.

Vom This, der doch etwas wird

Erzählung

Johanna Spyri

1. Kapitel

Alle gegen einen

Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
Schwemmebach, hinunter.

Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
konnten sich doch schon selbst waschen.

Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.

Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.

Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
er fand.

So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.

Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
Matthis genannt.

Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.

So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.

So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
mitmachte, die sie spielen wollten.

Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
die Knollen an den Rücken und an den Kopf.

Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.

Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.

2. Kapitel

Bei der Schwemmebachsennhütte

An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen.
Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
entgegen.

Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
Freudengeschrei begrüßt.

This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.

“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
Teilung.

This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen

Pages: 1 | 2 | 3 | 4 |... 5 ... | Single Page