Der Mann des Schicksals: Komödie in einem Akt

Produced by Michalina Makowska

DER MANN DES SCHICKSALS

Komödie in einem Akt

Bernard Shaw

(Übersetztung von Siegfried Trabitsch)

Diese Komödie wurde zuerst unter dem Titel “Der Schlachtenlenker”
veröffentlicht und aufgeführt.

PERSONEN

Napoleon

Ein Leutnant

Eine fremde Dame

Giuseppe

Grandi, Gastwirt

Schauplatz der Handlung: Tavazzano, ein kleiner Ort auf dem Wege von

Mailand nach Lodi.

(Es ist am 12. Mai 1796 in Norditalien, in Tavazzano, auf der Straße
von Lodi nach Mailand; die Nachmittagssonne strahlt hell herab auf die
Ebenen der Lombardei. Sie behandelt die Alpen mit Respekt and die
Ameisenhügel mit Nachsicht und wird weder durch die sich sonnenden
Schweine und Ochsen in den Dörfern belästigt, noch verletzt durch das
kühle Verhalten der Kirchen gegenüber ihrem Licht. Verachtungsvoll
lacht sie jedoch über zwei Horden schädlicher Insekten, nämlich der
österreichischen und der französischen Armee. Vor zwei Tagen, bei
Lodi, hatten die Österreicher die Franzosen zu hindern versucht, den
Fluß auf der dort befindlichen schmalen Brücke zu überschreiten. Aber
die Franzosen, befehligt von einem siebenundzwanzigjährigen General,
Napoleon Bonaparte, der die Kriegskunst nicht versteht, überschritten
dennoch die von feindlichem Feuer bestrichene Brücke, unterstützt von
einer furchtbaren Kanonade, bei welcher der junge General selbst Hand
anlegte. Das Schießen mit Kanonen ist seine technische Spezialität.
Er ist in der Artillerie unter dem alten Regime ausgebildet und ein
Meister in den militärischen Künsten, sich von seinen Pflichten zu
drücken, den Kriegszahlmeister um Reisespesen zu beschwindeln und den
Krieg mit dem Lärm and Rauch der Kanonen zu verherrlichen, der auf
allen militärischen Bildern aus dieser Epoche zu sehen ist. Er ist
jedoch ein origineller Beobachter und hat seit der Erfindung des
Schießpulvers als erster herausgefunden, daß eine Kanonenkugel den
Mann, den sie trifft, unfehlbar töten muß. Dem gründlichen Erfassen
dieser bemerkenswerten Entdeckung fügte er eine höchst entwickelte
Fähigkeit für physikalische Geographie und für die Berechnung von Zeit
und Entfernungen hinzu. Er besitzt eine erstaunliche Arbeitskraft und
eine klare, realistische Kenntnis der menschlichen Natur in bezug auf
öffentliche Angelegenheiten, die er während der französischen
Revolution nach dieser Richtung hin reichlich erprobt hat. Er hat
Einbildungskraft ohne Illusionen, und schöpferischen Geist ohne
Religion, Loyalität, Patriotismus oder irgendeines der landläufigen
Ideale, obwohl er dieser nicht unfähig ware; im Gegenteil: er hat sie
alle einmal in seiner Knabenzeit begierig eingezogen, und da er feine
dramatische Fähigkeiten besitzt, versteht er sie mit der Kunst eines
Schauspielers und Bühnenleiters äußerst geschickt auszuspielen. Dabei
ist er durchaus kein verzogenes Kind. Armut, Mißgeschick, die Kniffe
einer ärmlich zur Schau getragenen Eleganz, wiederholte Durchfälle als
Autor, die Demütigungen eines zurückgestoßenen Strebers, die Verweise
und Bestrafungen, die der untaugliche und unehrenhafte Offizier zu
ertragen hat, haben das verhindert. Er entging sogar nur mit knapper
Not der Strafe, aus dem Dienste gejagt zu werden. Wenn recht
Auswanderung der Adeligen selbst den Wert des schuftigsten Leutnants
zu dem Teuerungspreise eines Generals gesteigert hätte, würde er mit
Verachtung aus dem Heere ausgestoßen worden sein. Alle diese
Schicksale haben ihm jede Selbstüberschätzung ausgetrieben und ihn
gezwungen, genügsam zu sein und zu begreifen, daß die Welt einem Manne
seinesgleichen nichts gibt, was er ihr nicht mit Gewalt abringen kann.
Hierin aber zeigt die Welt einige Feigheit und Dummheit. Denn ein
erbarmungsloser Kanonier des politischen Kehrichts, wie Napoleon es
war, ist der Welt von Nutzen. Man kann sogar heute nicht in England
leben, ohne manchmal einzusehen, wieviel dieses Land dabei verlor, daß
es nicht von Napoleon ebenso wie von Julius Cäsar erobert wurde.)

(An jenem Mainachmittag des Jahres 1796 jedoch ist es noch früh in
seinem Leben. Er ist erst sechsundzwanzig Jahre alt und erst kürzlich
General geworden, teilweise mit Hilfe seiner Frau, die er dazu benutzt
hat, das Direktorium (das damals Frankreich regierte) zu verführen,
und teilweise durch den bereits erwähnten, infolge der Auswanderung
entstandenen Mangel an Offizieren. Aber auch dank seiner Fähigkeit,
ein Land mit all seinen Straßen, Flüssen, Hügeln und Tälern wie die
Fläche seiner eigenen Hand zu kennen, und vor allem dank seinem neuen
Glauben an die Wirkung der Kanonen auf Menschen. Seine Armee war, was
die Disziplin betrifft, in einem Zustand, der moderne Historiker, vor
denen das folgende Stück aufgeführt worden ist, so sehr entsetzt hat,
daß sie, eingeschüchtert von dem späteren Ruhme des “Empereur”, sich
geweigert haben, an solche Vorkommnisse zu glauben. Aber Napoleon ist
noch nicht “l’Empereur”, es wurde ihm eben erst der Titel “le petit
caporal” verliehen, und er ist im Begriff, durch renommistische
Tapferkeit Einfluß auf seine Leute zu gewinnen. Er ist nicht in der
Lage, seinen Willen nach orthodoxer militärischer Art mit Hilfe der
neunschwänzigen Katze bei ihnen durchzusetzen. Die französische
Revolution, die nur durch die monarchische Gewohnheit, den Soldaten
den Lohn wenigstens vier Jahre lang schuldig zu bleiben, dem Schicksal,
unterdrückt zu werden, entging, hat, wo es irgend anging, diesen
Brauch durch die Gewohnheit ersetzt, überhaupt keinen zu zahlen.
Statt dessen werden die Leute mit Versprechungen und patriotischen
Schmeicheleien abgespeist, die mit dem Militärgeist preußischer Art
unvereinbar gewesen wären. Napoleon hat sich daher als ein
Befehlshaber von zerlumpten Leuten ohne Geld, die nicht aufgelegt sind,
sich viel Disziplin gefallen zu lassen, namentlich nicht von
emporgekommenen Generälen, den Alpen genähert. Dieser Umstand, der
einen idealistischen Soldaten in Verlegenheit gebracht hätte, ersetzte
Napoleon tausend Kanonen. Er sprach zu seinen Soldaten: “Ihr habt
Patriotismus und Mut; aber ihr habt kein Geld, keine Kleidung und kaum
etwas zu essen. In Italien gibt es all diese Dinge und Ruhm noch dazu
für eine ergebene Armee, die von einem General geführt wird, der
Plünderung als das natürliche Recht des Soldaten betrachtet. Ich bin
ein solcher General. En avant, mes enfants!”—Das Resultat hat ihm
vollkommen recht gegeben. Seine Soldaten eroberten Italien, wie die
Wanderheuschrecken Cypern erobert haben. Sie kämpften den ganzen Tag
und marschierten die ganze Nacht, legten unmögliche Entfernungen
zurück, tauchten an unmöglichen Orten auf,—aber nicht etwa, weil
jeder Soldat wußte, daß er den Marschallstab in seinem Tornister trage,
sondern weil jeder hoffte, am nächsten Tage wenigstens ein halbes
Dutzend silberner Gabeln fort zu tragen. Zugleich muß man sich
darüber klar sein, daß die französische Armee nicht mit der
italienischen Krieg führt. Sie ist nur da, um Italien von der
Tyrannei seiner österreichischen Eroberer zu befreien und
republikanische Einrichtungen herzustellen, so daß sie, wenn sie
gelegentlich plündert, nur ein wenig frei mit dem Eigentum ihrer
Freunde umgeht, wofür Italien sogar hätte dankbar sein sollen, wenn
Undankbarkeit nicht die sprichwörtliche Schwäche der Italiener wäre.
Die Österreicher, die sie bekämpfen, haben eine recht ansehnliche
reguläre, gut disziplinierte Armee, von Herren kommandiert, die in der
bisher geübten Kriegskunst erfahren sind, an ihrer Spitze Beaulieu,
der die klassische Kriegskunst ausübt, nach Befehlen von Wien aus, und
von Napoleon fürchterlich geschlagen wird, der auf eigene Faust
handelt, ohne Rücksicht auf militärisches Herkommen und Befehle aus
Paris. Selbst wenn die Österreicher eine Schlacht gewannen, brauchte
man nur zu warten, bis sie nach ihrer Gewohnheit in ihre
Hauptquartiere heimgekehrt waren, sozusagen zum Nachmittagstee, um sie
dann zurückzugewinnen, ein Verfahren, das Napoleon später mit
glänzendem Erfolge bei Marengo anzuwenden wußte. Mit einem Wort,
Napoleon versteht es, ohne heroische Wunder zu vollbringen, einem
Feinde gegenüber unwiderstehlich zu sein, der den Nachteil hat, von
österreichischer Staatsmannschaft, klassischer Generalsweisheit und
den Forderungen der aristokratischen Wiener Gesellschaft geleitet zu
werden. Die Welt jedoch liebt Wunder und Helden und ist ganz unfähig,
die Handlungsweise solcher Mächte, wie akademischer Militarismus und
Wiener Boudoirunwesen sind, zu begreifen. Daher hat sie schon
begonnen, das Wort “l’Empereur” zu prägen, und es dadurch hundert
Jahre später den Romantikern erschwert, die folgende bis dahin
unaufgezeichnete kleine Szene zu glauben, die sich in Tavazzano
ereignet hat. Das beste Quartier in Tavazzano ist ein kleines
Gasthaus, das erste, das der Wanderer antrifft, der auf dem Wege von
Mailand noch Lodi den Ort berührt. Es steht in einem Weingarten, und
sein größtes Zimmer, ein angenehmer Zufluchtsort vor der Sommerhitze,
ist gegen diesen Weingarten nach rückwärts so weit geöffnet, daß es
beinahe einer großen Veranda gleicht. Die mutigeren unter den Kindern,
die durch Alarmsignale und die Ausfälle der letzten Tage und durch
den Einmarsch französischer Truppen um sechs Uhr in großer Aufregung
sind, wissen, daß der französische Kommandeur sich in dieses Zimmer
einquartiert hat, und schwanken zwischen dem Verlangen, durch das
Vorderfenster verstohlene Blicke hineinzuwerfen, und einer tödlichen
Angst vor der Schildwache, einem jungen Soldaten aus vornehmer Familie,
der keinen natürlichen Schnurrbart besitzt und sich deshalb einen
sehr martialischen mit Stiefelwichse von seinem Feldwebel hat ins
Gesicht hineinmalen lassen. Da seine schwere Uniform, wie alle
Uniformen seiner Zeit, ohne die leiseste Rücksichtnahme auf seine
Gesundheit oder seine Bequemlichkeit, lediglich für die Parade
bestimmt ist, schwitzt er fürchterlich in der Sonne; sein gemalter
Schnurrbart ist in kleinen Streifen sein Kinn und seinen Hals
herabgelaufen, mit Ausnahme von jenen Stellen, wo er zu einer Kruste
wie von japanischem Lack getrocknet ist, und wo seine schön
geschweifte Linie durch groteske kleine Buchten und Landzungen
unterbrochen wird. Alles dies macht ihn unsagbar lächerlich in den
Augen der Geschichte hundert Jahre später, aber fürchterlich und
schrecklich in den Augen der zeitgenössischen norditalienischen Kinder,
denen es ganz natürlich erscheinen würde, wenn die Wache die
Eintönigkeit des Postenstehens dadurch zu beleben versuchte, daß sie
ein verlaufenes Kind auf ihr Bajonett spießte, um es ungekocht zu
verspeisen. Trotzdem hat ein Mädchen von schlechtem Charakter, an dem
schon der Sinn für ein gewisses Vorrecht, das sie bei den Soldaten hat,
erwacht ist, sich für einen Augenblick verstohlen an das sicherste
Fenster geschlichen, bis ein Blick und ein Klirren der Wache es
davonjagt. Was die Kleine zumeist sieht, das hat sie schon früher
gesehen: den Weingarten mit der alten Kelter dahinter und einen Karren
bei den Weinstöcken; die Türe dicht zu ihrer Rechten, die nach dem
Eingange des Gasthauses führt, wo des Wirtes bester Schenktisch weiter
hinten an derselben Seite nun in voller Tätigkeit für das Mittagessen
steht; auf der anderen Seite den Kamin mit einem Sofa in der Nähe und
eine andere Tür, die zwischen Kamin und Weingarten in die inneren
Räume führt; in der Mitte einen Tisch mit seiner Mahlzeit von
Mailänder Risotto, Käse, Trauben, Brot, Oliven und einer großen, mit
Weidenzweigen umflochtenen Flasche Rotwein. Der Wirt, Giuseppe Grandi,
ist auch nichts Neues für sie; er ist ein dunkelfarbiger, lebhafter,
gehörig heiterer, schwarzlockiger, kugelköpfiger, grinsender kleiner
Mann von vierzig Jahren. Schon von Natur ein guter Wirt, ist er heute
abend in extra guter Laune über sein Glück, den französischen
Kommandeur als Gast unter seinem Dache zu haben, dessen Gegenwart ihn
vor den Übergriffen der Soldaten schützt. Er trägt sogar ein Paar
goldener Ohrringe zur Schau, die er sonst mit seinem kleinen Besitz an
Silbergeschirr sorgfältig unter der Kelter versteckt haben würde.)

(Napoleon jedoch, der ihm gegenüber an der hinteren Seite des Tisches
sitzt, und seinen Hut, seinen Degen und seine Reitpeitsche, die auf
dem Sofa liegen, sieht das Mädchen zum erstenmal. Er arbeitet hart,
teils an seiner Mahlzeit, die er in zehn Minuten zu verschlingen weiß,
indem er alle Gerichte gleichzeitig in Angriff nimmt (diese Gewohnheit
ist der erste Schritt zu seinem späteren Untergange), und teils an
einer Landkarte, die er aus dem Gedächtnis verbessert, wobei er
gelegentlich die Stellungen seiner Streitkräfte kennzeichnet, indem er
eine Traubenschale aus dem Munde nimmt und sie mit seinem Daumen wie
eine Oblate auf die Landkarte drückt. Er hat Schreibmaterial vor sich
liegen, unordentlich mit den Gerichten und Flaschen vermengt, und sein
langes Haar fällt bald in die Risottobrühe herab, bald in die Tinte.)

(Giuseppe.) Wollen Exzellenz….

(Napoleon blickt gespannt auf seine Karte, stopft sich aber mit der
linken Hand mechanisch den Mund dabei voll): Schwatz’ nicht, ich habe
zu tun.

(Giuseppe in ungetrübt guter Laune:) Wie Sie befehlen, Exzellenz.

(Napoleon.) Bring mir rote Tinte!

(Giuseppe.) Leider habe ich keine, Exzellenz.

(Napoleon mit korsischem Humor:) Töte etwas und bring’ mir das Blut.

(Giuseppe grinsend:) Es ist nichts im Hause, als das Pferd Eurer

Exzellenz, die Schildwache, die Dame im ersten Stock und meine Frau.

(Napoleon.) Töte deine Frau.

(Giuseppe.) Mit größtem Vergnügen, Exzellenz. Aber
unglücklicherweise ist sie stärker als ich—sie würde mich töten.

(Napoleon.) Das wäre ebenso gut.

(Giuseppe.) Exzellenz erweisen mir zu viel Ehre. (Seine Hand nach
der Flasche ausstreckend:) Vielleicht kann etwas Wein den Zweck
erfüllen.

(Napoleon beschützt die Flasche schnell und wird ganz ernst:) Wein?
Nein—das wäre Verschwendung. Ihr seid alle gleich—Verschwendung!
Verschwendung! Verschwendung! (Er markiert die Landkarte mit Sauce,
wobei er die Gabel als Feder benützt.) Räum’ ab! (Er leert sein
Weinglas, stößt seinen Stuhl zurück und benützt seine Serviette,
streckt dann die Beine aus und lehnt sich zurück, aber noch immer die
Stirn runzelnd und in Gedanken.)

(Giuseppe räumt den Tisch ab und stellt die Sachen auf ein Tablett,
das auf dem Büfett steht:) Ein jeder denkt, wie es für sein Geschäft
taugt, Exzellenz. Wir Gastwirte verfügen über eine Menge billigen
Wein; wir finden nichts dabei, ihn zu vergießen,—Ihr großen Generale
verfügt über eine Menge billiges Blut: Ihr findet nichts dabei, es zu
vergießen. Hab’ ich recht, Exzellenz?

(Napoleon.) Blut kostet nichts, Wein kostet Geld. (Er erhebt sich und

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