Die Richterin

Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

This Etext is in German.

This book content was graciously contributed by the Projekt-DE.

That project is reachable at the web site http://spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom “Projekt-DE”
zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://spiegel.de/ erreichbar.

Die Richterin

Novelle

Conrad Ferdinand Meyer

Erstes Kapitel

“Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!” psalmodierten die Mönche
auf Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel eines
römischen Märztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das
Kapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der
Kaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst
Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des
höchsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe
Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer
solennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin,
beizuwohnen.

Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, während ein Gefolge von
Höflingen, die aus allen Ländern der Christenheit zusammengewählte
Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus
Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem günstigen
Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen. Die
vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehüllten Höflinge schlenderten mit
gleichgültiger Miene und hochfahrender Gebärde in den erlauchten
Stapfen, die Begrüßung der umstellenden Menge mit einem kurzen
Kopfnicken erwidernd und sich über nichts verwundern wollend, was
ihnen die Ewige Stadt Großes und Ehrwürdiges vor das Auge stellte.

Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem Platze
Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. “Ich kann es
nicht lassen”, sagte er zu dem gelehrten Haupte, “den Reiter zu
betrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet!
Diese Züge müssen ähnlich sein.”

Da flüsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: “Es
ist nicht Constantin. Das hab ich längst heraus. Doch ist es gut,
daß er dafür gelte, sonst wären Reiter und Gaul in der Flamme
geschmolzen.” Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem
großen Kaiser ins Ohr: “Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel.”
“Wirklich?” lächelte Karl.

Sie gingen der Pforte von Ara Cöli zu, durch welche sie verschwanden,
der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungen
Menschen in rätischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und
durch die ehrfürchtigsten Grüße seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte.

“Halt, Herren”, rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilde
angelangten Höflinge und fing rechts und links die Hände der neben ihm
Wandelnden, “jetzt, da alles treibt und schwillt”—Erd- und Lenzgeruch
kam aus nahen Gärten—, “will ich meinen Becher und was mir sonst lieb
ist mit Veilchen bekränzen, aber keinen Weihrauch trinken, am
wenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenke
entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Wölfin. Das hat
mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bißchen den Reiter an und
verduften dann in die Tabernen.”

“Wer ist’s?” fragte einer.

“Ein griechischer Kaiser”

“Den setzen wir ab”—

“Wie er die Beine spreizt!”—

“Reitet der Kerl in die Schwemme?”—

“Holla, Stallknecht!”—

“Nettes Tier!”—

“Wülste wie ein Mastschwein!”

So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz überblitzte den
andern. Das antike Roß wurde gründlich und unbarmherzig kritisiert.

Der artige Räter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spötter
genähert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelächtern in ihre
Gruppe zu gelangen und auf eine unverfängliche Weise mit der Schule
anzuknüpfen. Aber die Höflinge achteten seiner nicht. Da faßte er
sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst:
“Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Günstling des Glücks,
wer ihr angehören darf!”

Über eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und
sprach gelassen: “Wir schwänzen sie meistenteils.” Dann kehrte sich
der ganze Höfling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Räter mit
einem spöttischen Gesichte: “Welcher Eltern rühmst du dich, Knabe?”

Dieser gab vergnügten Bescheid. “Ich bin der Neffe des Bischofs Felix
in Chur und mit seinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt.”

“Räter”, sprach der Lange ernsthaft, “du bist an den Quell der
Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und
über den Grüften unzähliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und
bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs.”

Eben intonierten die Mönche von Ara Cöli mit jungen und markigen
Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: “Concepit in
iniquitatibus me mater mea!”

“Hörst du”, und der Höfling deutete nach der Kirche, “die dort wissen

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