Auf silbernen Gefilden / Ein Mond-Roman

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?u?awski / Auf silbernen Gefilden
Zweite Auflage

Auf silbernen Gefilden

Ein Mond-Roman

von
Jerzy von ?u?awski

Deutsch von Kasimir Lodygowski

München 1914 / Verlegt bei Georg Müller

Vorwort

Fast fünfzig Jahre sind seit jenen beiden Expeditionen verstrichen, den wahnsinnigsten, die je von Menschen unternommen und ausgeführt wurden. Die ganze Sache war der Vergessenheit anheimgefallen, als eines schönen Tages, in einer Zeitung in K…. ein Artikel des Assistenten am dortigen Observatorium erschien, der alles aufs neue in Erinnerung brachte. Der Autor behauptete, daß er Nachrichten über das Schicksal der vor fünfzig Jahren auf den Mond hinausgeschossenen wahnsinnigen Teilnehmer der Expedition in Händen habe. Die Angelegenheit wirbelte viel Staub auf, obwohl man sie anfangs nicht ganz ernst nahm. Diejenigen, die damals von dem Aufsehen erregenden Unternehmen gehört oder gelesen hatten, wußten, daß die kühnen Abenteurer ihr Leben einbüßten und zuckten die Achseln, daß die für tot Gehaltenen nicht nur leben, sondern sogar Nachrichten vom Monde schicken sollten.

Der Assistent blieb trotz alledem bei seiner Behauptung. Er zeigte Neugierigen eine vierzig Zentimeter hohe, nach vorn zugespitzte Eisenkugel, in der er ein auf dem Monde angefertigtes Manuskript vorgefunden haben wollte. Die Kugel, die sich auf eigentümliche Art aufdrehte, war innen leer und mit einer dicken Schicht von Ruß und Schlacken bedeckt; sie konnte von jedermann besichtigt und bewundert werden, das Manuskript jedoch wollte der Assistent niemandem zeigen. Er erklärte, daß es aus verkohlten Papieren bestände, deren Inhalt er erst mit Hilfe künstlicher photographischer Aufnahmen, die mit großer Mühe und Vorsicht gemacht werden müßten, ablesen könne. Diese Geheimnistuerei, und vor allem, daß der Assistent beharrlich verschwieg, wie er in den Besitz der mysteriösen Kugel gekommen war, machte die Leute stutzig; aber die Neugierde wuchs dennoch stetig. Man erwartete mit einem gewissen Mißtrauen die versprochenen Aufklärungen und begann indes, sich aus den damals erschienenen Abhandlungen die fünfzig Jahre zurückliegenden Ereignisse zu vergegenwärtigen. Und plötzlich fing man an, sich zu wundern, daß alles das so schnell vergessen wurde …. Es gab doch in jener Zeit keine Tagesblätter, keine Wochen- oder Monatsschriften, die sich nicht Jahre hindurch verpflichtet fühlten, in jeder Nummer mehrere Spalten dieser so unerhörten und unwahrscheinlichen Expedition zu widmen. Vor Antritt der Forschungsreise war alles voll von Berichten über den Stand der Vorarbeiten; man beschrieb jede Schraube in dem „Waggon“, der durch den Planetenraum fahren und die kühnen Reisenden auf die Oberfläche des Mondes hinausschleudern sollte, die man bis dahin lediglich aus den vorzüglichen, im „Licke-Observatory“ gemachten photographischen Aufnahmen kannte. Über alle Einzelheiten des Unternehmens wurde lebhaft diskutiert. Die Porträts und ausführlichen Lebensbeschreibungen der Reisenden tauchten überall auf. Fast Entrüstung erregte die Nachricht, daß einer von ihnen im letzten Augenblicke zurücktrat, nicht ganz zwei Wochen vor dem festgesetzten Termin zur „Abfahrt“. Dieselben, die noch vor kurzem den ganzen „albernen und abenteuerlichen“ Plan der Expedition verhöhnten und die Teilnehmer Narren nannten, die nur verdienten, ihr Leben lang in einer Irrenanstalt interniert zu werden, waren jetzt empört über die „Feigheit und das Zurücktreten“ eines Menschen, der es offen aussprach, daß er hoffe, auf der Erde ein gleich ruhiges und ungleich späteres Grab zu finden, als seine Kameraden auf dem Monde. Das größte Interesse jedoch erweckte die Person, die sich für die freigewordene Stelle meldete. Es hieß allgemein, daß man einen neuen Teilnehmer nicht aufnehmen könne, da die Zeit zu kurz für das notwendigerweise vorausgehende Trainieren sei, dem sich die anderen einige Jahre hindurch unterziehen mußten. Sie waren schließlich zu geradezu unerhörten Resultaten gelangt. Man erzählte sich, daß sie es dahin brachten, in leichter Kleidung einen vierziggradigen Frost wie eine vierziggradige Hitze zu ertragen, ganze Tage hindurch ohne Wasser zu leben und ohne Schaden für die Gesundheit in einer Luft zu atmen, die viel dünner war als die Erdatmosphäre auf den höchsten Bergen. Das Staunen war daher groß, als man erfuhr, daß der Neuling von den „Lunatikern“, wie man sie nannte, aufgenommen sei und ihre Zahl vervollständigen sollte. Die Berichterstatter waren in heller Verzweiflung, daß sie nichts Näheres über diesen geheimnisvollen Abenteurer erfahren konnten. Trotz aller Bemühungen der Reporter ließ er keinen von ihnen bei sich vor, ja, er hatte sogar den Tageszeitungen weder seine Photographien zugeschickt noch auf briefliche Anfragen geantwortet. Die anderen Mitglieder der Expedition hüllten sich ebenfalls in tiefstes Schweigen über ihn, und erst zwei Tage vor der Abreise erschien eine nähere, im höchsten Grade phantastische Nachricht. Einem Journalisten war es nach vielen Anstrengungen endlich gelungen, den neuen Teilnehmer zu Gesicht zu bekommen, und er machte die verblüffende Mitteilung, daß dieses Expeditionsmitglied eine Frau in Männerkleidern sei. Man wollte nicht recht daran glauben, und es war übrigens auch keine Zeit, sich lange damit zu beschäftigen. Der große Augenblick nahte. Die fieberhafte Erwartung erreichte ihren Höhepunkt. An der Mündung des Kongo, von wo aus die Expedition „die verwegene Fahrt antreten sollte“, hatte sich die ganze zivilisierte Welt ein Stelldichein gegeben.

Die phantastische Idee Jules Vernes sollte endlich verwirklicht werden, — über hundert Jahre nach dem Tode ihres Urhebers.

An der afrikanischen Küste, zirka zwanzig Kilometer von der Mündung des Kongo entfernt, gähnte die breite Öffnung eines dafür konstruierten Schlundes aus Gußstahl, der in einigen Stunden das erste Projektil mit den darin eingeschlossenen fünf waghalsigen Forschern hinausschießen sollte. Eine besondere Kommission untersuchte noch einmal genau sämtliche komplizierten Berechnungen, wie die Nahrungsvorräte und Instrumente: alles war in Ordnung, alles war bereit!

Am andern Tage, kurz vor Sonnenaufgang, verkündete ein betäubender, durch die Explosion hervorgebrachter Knall der Welt — in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern — den Beginn der abenteuerlichsten aller Fahrten …

Nach den ungemein genauen Berechnungen hatte das Projektil unter der Wirkung der explodierenden Kraft eines senkrechten Wurfes, der Anziehung der Erde und der treibenden Kraft, die durch die tägliche Drehung der Erde um die Achse entsteht, im Weltenraum eine mächtige Parabel von Westen nach Osten zu beschreiben und an dem bezeichneten Punkte und in der bezeichneten Stunde in die Sphäre der Anziehung des Mondes, fast senkrecht auf die Mitte seiner uns zugewendeten Scheibe zu fallen, in der Gegend des „Sinus Medii“. Der Lauf des Projektils, der von verschiedenen Punkten der Erde aus durch Hunderte von Teleskopen beobachtet wurde, zeigte sich als ganz genau mit der Berechnung übereinstimmend. Den Beobachtenden schien das Projektil am Himmel in der Richtung von Osten nach Westen zurückzuweichen, zunächst viel langsamer als die Sonne, dann immer schneller, je mehr es sich von der Erde entfernte. Die scheinbare Bewegung war das Resultat der Drehung der Erde, der gegenüber das Projektil zurückblieb.

Man beobachtete es lange, bis es endlich, in der Nähe des Mondes, selbst durch die stärksten Teleskope nicht mehr zu sehen war. Trotzdem hörte die Verbindung zwischen der Erde und den in das Projektil eingeschlossenen Reisenden noch längere Zeit hindurch keinen Augenblick auf. Sie hatten, neben allen andern Vorrichtungen, auch einen vorzüglichen Apparat der drahtlosen Telegraphie in ihrem Fahrzeug, der, nach den Berechnungen, sogar auf eine Entfernung von dreihundertvierundachtzigtausend Kilometern, die den Mond von der Erde trennten, funktionieren mußte. Jedoch erwiesen sich diese Berechnungen als unrichtig; die letzte Depesche erhielten die astronomischen Stationen aus einer Entfernung von zweihundertundsechzigtausend Kilometern. Das Telegraphieren war entweder durch die ungenügende Kraft des Stromes der Luftwellen, oder auch eines fehlerhaften Baues des Apparates wegen auf eine größere Entfernung unmöglich. Aber die letzte Depesche klang ganz aufmunternd: „Alles gut, kein Grund zu Besorgnissen vorhanden.“

Sechs Wochen später schickte man, wie verabredet, eine zweite Expedition aus. Diesmal nahmen nur zwei Personen in dem Projektil Platz; sie hatten dafür bedeutend größere Nahrungsvorräte und notwendige Instrumente bei sich; auch einen weit stärkeren telegraphischen Apparat als ihre Vorgänger. Es war kein Zweifel, daß er zur Übersendung von Nachrichten vom Monde genügen mußte; jedoch erhielt man keine Depesche mehr von dorther. Das letzte Telegramm war ganz nahe dem Ziele der Expedition, direkt vor dem Fallen auf die Mondoberfläche, abgesandt. Die Nachricht lautete nicht besonders günstig. Das Projektil wich, aus einem unerklärlichen Grunde, etwas vom Wege ab und konnte infolgedessen nicht senkrecht auf den Mond fallen; es fiel schräg, in einem ziemlich scharfen Winkel, und da es für einen solchen Fall nicht konstruiert war, fürchteten die Insassen, zerschmettert zu werden. Diese Befürchtungen schienen sich bewahrheitet zu haben, da dieser Depesche keine weitere mehr folgte.

Unter solchen Umständen gab man eine beabsichtigte dritte Expedition auf. Man konnte sich bezüglich des Schicksals der Unglücklichen nicht täuschen; warum sollte man noch mehr Menschenleben opfern? Die begeistertsten Anhänger der „interplanetarischen Kommunikation“ verstummten, und man sprach und schrieb über die Expeditionen nur noch, daß sie Wahnsinn seien, der geradezu an Verbrechen grenze. Und in einigen Jahren endlich war die ganze Angelegenheit vergessen.

Sie lebte erst wieder in der Erinnerung auf, als der besagte Artikel des bis dahin gänzlich unbekannten, nun aber zum Tagesgespräch gewordenen Assistenten des kleinen astronomischen Observatoriums erschien. Seitdem brachte jede Woche etwas Neues. Der Assistent lüftete allmählich die Schleier seines Geheimnisses, und obwohl es an Ungläubigen nicht fehlte, begann man doch die Sache immer ernster zu nehmen. Bald interessierte sich alle Welt dafür, und schließlich legte der Assistent auch klar, auf welche Weise er in den Besitz des wertvollen Manuskriptes gekommen und wie er es abgelesen habe. Er erlaubte sogar Fachleuten, die verkohlten Überreste, wie die in der Tat wundervollen photographischen Abzüge zu besichtigen.

Mit jener Kugel und dem Manuskript verhielt es sich aber folgendermaßen: „Eines Nachmittags,“ erzählte der Assistent, „als ich bei der Aufzeichnung der täglichen meteorologischen Beobachtungen saß, meldete mir der Stationsdiener, daß ein junger Mann mich zu sprechen wünsche. Es war mein Kollege und guter Freund, der Eigentümer eines benachbarten Gutes, der nur selten in die Stadt kam. Ich mußte ihn warten lassen, um erst meine Arbeit zu beendigen; dann begab ich mich zu ihm, und er erklärte mir sofort nach der Begrüßung, daß er mir eine Nachricht bringe, die mir zweifellos viel Freude bereiten werde. Er wußte, daß ich mich seit Jahren eifrig mit der Erforschung der Meteoriten beschäftigte und kam mir mitzuteilen, daß vor einigen Tagen ein Meteor von größerer Dimension, wie es schien, auf seinem Gute herabgefallen sei. Den Stein, der sich wahrscheinlich tief in den Morast gebohrt, hätte man nicht gefunden, aber wenn ich ihn haben wolle, wäre er gerne bereit, mir Arbeiter zum Hervorholen zur Verfügung zu stellen. Natürlich wollte ich den Stein haben, und nachdem ich mir einen kurzen Urlaub genommen, fuhr ich selbst an Ort und Stelle, behufs Nachforschungen. Aber trotz zweifelloser Merkmale und schwerer Mühen konnten wir nichts finden. Nur ein Stück bearbeitetes Eisen, in Form einer Kanonenkugel, das an dieser Stelle zu finden mich sehr in Staunen versetzte, wurde hervorgeholt. Ich zweifelte schon an einem Resultat und ließ die weiteren Arbeiten einstellen, als mein Freund meine Aufmerksamkeit auf jene Kugel lenkte. Sie sah in der Tat sehr merkwürdig aus. Ihre Oberfläche war mit Schlacken bedeckt, wie sie sich auf eisernen Meteoriten bei ihrem Erglühen während des Durchganges durch die Erdatmosphäre bilden. Sollte sie etwa jener herabgefallene Meteor sein?

In diesem Augenblicke kam mir plötzlich der Gedanke an die Expedition vor fünfzig Jahren, deren Geschichte ich genau kannte. Ich muß hinzufügen, daß ich, trotz des hoffnungslosen Inhalts der letzten Depesche, die von den Mondfahrern zur Erde gelangte, niemals an ihren Tod geglaubt hatte. Es war jedoch noch zu früh, Vermutungen auszusprechen. Ich nahm die Kugel mit der größten Vorsicht an mich und brachte sie nach Hause, fast sicher, daß sie wertvolle Fingerzeige über jene Verlorenen enthalte. Aus ihrem verhältnismäßig geringen Gewicht erriet ich, daß sie hohl sei, und begab mich sofort an die Arbeit. Ich war mir klar darüber, daß Papiere, die eventuell in der Kugel eingeschlossen waren, bei dem Erglühen des Eisens in der Erdatmosphäre verkohlt sein mußten. Man durfte daher die Kugel nur so öffnen, daß die Überreste nicht vernichtet wurden. Vielleicht, dachte ich, läßt sich aus ihnen doch noch etwas entziffern.

Die Arbeit war überaus mühsam, besonders dadurch, daß ich niemanden zu Hilfe nehmen wollte. Meine Annahmen waren höchst unsicher und, wie ich zugeben muß, zu — phantastisch, als daß verfrüht etwas darüber verlauten durfte.

Ich bemerkte, daß die Spitze der Kugel eine Schraube bildete, die man aufdrehen mußte und befestigte sie also in einem starken Schraubstock, um sie vor einer Erschütterung zu bewahren, die ihren Inhalt beschädigen könnte. Die Schraube war verrostet und wollte nicht nachgeben. Nach langen Anstrengungen gelang es mir endlich, sie zu bewegen. Bei diesem ersten Kreischen der gedrehten Schraube erfaßte mich ein Freudentaumel, und zugleich schnürte mir eine beklemmende Angst die Kehle zu. Ich mußte die Arbeit unterbrechen, da mir die Hände zitterten; erst nach einer Stunde konnte ich sie, immer noch mit klopfendem Herzen, wieder aufnehmen.

Die Schraube bewegte sich langsam, als ich plötzlich ein seltsames Zischen vernahm. Anfangs konnte ich seine Ursache nicht begreifen. Fast gedankenlos drehte ich in umgekehrter Richtung, und sofort hörte das Zischen auf; drehte ich wieder in der ersten Weise, begann es von neuem, obwohl es jetzt etwas schwächer war. Endlich begriff ich alles! Das Innere der Kugel war vollständig leer! Das Zischen entstand durch das Eindringen der Luft vermittels einer Öffnung, die sich durch die Lockerung der Schraube gebildet hatte.

Dieser Umstand bestärkte mich in der Überzeugung, daß die in der Kugel vermutlich eingeschlossenen Dokumente nicht ganz vernichtet sein dürften, da das Fehlen der Luft sie vor der Verbrennung bewahrt haben mußte, als die Kugel, bei ihrem Fall durch die Erdatmosphäre, erglühte! Bald stellte sich auch die Richtigkeit meiner Annahme heraus. Nach Beseitigung der Schraube fand ich in der Kugel, deren innere Wände mit einer Schicht gebrannten Lehms ausgelegt waren, ein Päckchen verkohlter, aber nicht verbrannter Papiere. Ich wagte fast nicht zu atmen, aus Furcht, die wertvollen Schriften zu beschädigen. Ich nahm sie mit der größten Vorsicht heraus und … war verzweifelt. Auf dem verkohlten Papier waren die Buchstaben fast unsichtbar und dieses Papier selbst so mürbe, daß es mir beinahe in der Hand zerfiel.

Trotzdem beschloß ich, alles daranzusetzen, um das Werk zu Ende zu führen und den Inhalt des Manuskriptes zu entziffern. Einige Tage dachte ich darüber nach, wie ich das bewerkstelligen solle. Endlich flüchtete ich mich zu den Röntgenstrahlen. Ich nahm, wie es sich später zeigte, richtig an, daß die Tinte, deren man sich zum Schreiben bediente, mineralische Bestandteile enthielt und infolgedessen die mit ihr überschwärzten Stellen den Röntgenstrahlen einen größeren Widerstand leisten würden, als das verkohlte Papier selbst. Ich klebte vorsichtig jedes Blatt des Manuskripts auf eine dünne Haut, die ich in einen Rahmen gespannt hatte und machte photographische Aufnahmen mittels Röntgenstrahlen. Auf diese Weise erhielt ich Klischees, die nach der Übertragung des Bildes auf das Papier eine Art von Palimpsesten ergaben, wo die Buchstaben auf beiden Seiten des Papiers geschrieben, sich miteinander verbanden. Es war so zwar schwierig, aber durchaus nicht unmöglich abzulesen.

Nach einigen Wochen war ich mit dem Entziffern der Aufzeichnungen so weit vorgeschritten, daß ich keinen Grund mehr sah, die Angelegenheit weiter zu verheimlichen und schrieb den ersten Artikel, der über den Vorfall berichtete … Heute liegt das ganze Manuskript vor mir bereit, geordnet und abgeschrieben, und ich hege absolut keinen Zweifel, daß es von einem der fünf zuerst ausgesandten Expeditionsmitglieder auf dem Monde verfaßt und von dort aus auf die Erde gesandt wurde.

Was das Weitere betrifft, so mag der Inhalt der Aufzeichnungen für sich selbst sprechen.“

Dieser Erklärung, die der Veröffentlichung des Manuskriptes vorausging, fügte der Assistent einen kurzen Bericht über die Vorgeschichte der damaligen Expedition bei.

Er erinnerte daran, daß der Gedanke von dem irländischen Astronomen O’Tamor ausgegangen war, der einen glühenden Anhänger in dem jungen, seinerzeit in Brasilien berühmten portugiesischen Ingenieur, Peter Varadol, fand. Diese beiden gewannen einen dritten Kameraden, den Polen Jan Koretzki, der ihnen sein ganzes, ziemlich bedeutendes Vermögen zur Verfügung stellte. Darauf unternahmen sie die ersten Schritte zur Verwirklichung des schon festgelegten Planes. Man unterbreitete den Akademien und wissenschaftlichen Instituten die Skizzen des Projektes und wandte sich dann an Fachautoritäten betreffs Ausarbeitung der Einzelheiten. Die Idee rief Begeisterung hervor; in kurzem beschäftigten sich nicht nur Fachleute damit, sondern die ganze zivilisierte Welt, die ihre Vertreter auf den Mond auszusenden begehrte, um Näheres über diesen Globus zu erfahren. Auf Antrag der Akademien und astronomischen Stationen sprangen die Regierungen mit finanzieller Hilfe bei und da es auch an privaten Opfern nicht fehlte, hatten die Initiatoren bald ein Kapital zur Verfügung, das zur Ausrüstung mehrerer Expeditionen genügte, von denen aber, wie bekannt, nur zwei ausgesandt wurden.

Die Besatzung des ersten Projektils sollte aus fünf Personen bestehen, darunter O’Tamor, der den Gedanken ins Leben gerufen, und seine beiden Kameraden. Der vierte war der englische Arzt Tomas Woodbell, der fünfte Braun, ein Deutscher, der jedoch im letzten Augenblick zurücktrat; statt seiner meldete sich ein Unbekannter als Teilnehmer der Expedition. In das zweite Projektil hatten sich zwei Franzosen eingeschlossen, die Brüder Remogner.

Nach dieser kurzen Übersicht erging sich der Assistent ausführlicher über die technische Seite des Unternehmens. Er beschrieb bis ins kleinste Detail die Konstruktion der mächtigen Kanone, von der Form eines stählernen Brunnens; berichtete über den Bau des Projektils, das man nach der Ankunft auf der luftlosen Oberfläche des Mondes in einen hermetisch verschlossenen Wagen verwandeln konnte, der durch einen besonderen Elektromotor bewegt wurde. Er schilderte die Schutzvorrichtungen, die die Reisenden im Augenblick des Schusses wie beim Herabfallen auf den Mond vorm Zerschmettern bewahren sollten und endlich zählte er alle Gegenstände der inneren Einrichtung und die Vorräte des „transportablen Zimmers“ auf.

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