Dr. Mabuse, der Spieler

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Dr. Mabuse / der Spieler

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung zeitgenössischer Romane

Dr. Mabuse
der
Spieler

Roman
von
Norbert Jacques

Im Verlag Ullstein / Berlin

Alle Rechte, einschließlich des Rechts der Übersetzung, vorbehalten
Amerikanisches Copyright 1920 by Ullstein & Co., Berlin

I

Der alte vornehme Herr stellte sich selber vor. Wie üblich, verstand niemand den Namen. Aber er war elegant und in diskretes bestes Tuch gekleidet. Er hatte als Vorstecknadel eine einfache weiße Perle, etwas barock, aber von der Weiße eines blonden Frauenrückens, wie Karstens sagte, und legte gleich so gegen 20000 Mark vor sich auf den Spieltisch.

Der junge Hull, Stämmling eines Industrie-Millionen-Vermögens, an dem sein Vater ihn reichlich teilnehmen ließ, hatte ihn mitgebracht.

Man begann gleich zu spielen. Der Gast nahm mit einer stummen Verbeugung das Spiel an, das man vorschlug: Einundzwanzig. Die Sätze waren unbegrenzt. Ritter hielt die Bank als erster.

Zunächst zeigte das Spiel durchaus nichts Ungewöhnliches. Verlust, Gewinn gingen reihum.

Aber bald begann es, daß Hull verlor. Das begann fast mit demselben Augenblick, da die Reihe, die Bank zu halten, an den alten Herrn kam. Hull verlor zuerst Hundertmarkscheine. Er spielte gelassen und in sein Pech ergeben. Vor dem alten Herrn mischten sich kleinere Noten in den Haufen der Tausender, die er vor sich hingelegt hatte.

Nur nach außen spielte Hull gelassen. Innerlich befand er sich in einer heißen Erregung. Es gingen Schleier vor seinem Hirn hin und her. Seine Noten chassierten zu dem Gast hinüber, ohne daß er es eigentlich merkte. Seine Sinne waren wie von einem feinen und unsichtbaren Spinnweb belegt, das ihn immer mehr einengte.

Er trank einige Kognaks und ließ sich dann eine Flasche Sekt bringen. Das half aber zu nichts weiterem, als daß er das Fach seiner Brieftasche wechselte und zu den Tausendern griff. Er hatte sie nachmittags von der Bank geholt.

Sein Spielpech wurde unwahrscheinlich. Hatte er gute Karten, so war ihm, als ob aus irgendeinem in Dunkel verhüllten Winkel seines Innern heraus eine mahnende Hand sich auf seinen Mund legte. Er verließ die Höhe seiner Einsätze und nannte eine geringfügige Summe.

Der alte Herr sollte nun die Bank weitergeben. Aber er erbot sich, Hull zuliebe sie noch zu behalten. Er sagte:

„Wenn die Herren einverstanden sind, so behalte ich die Bank noch einige Runden. Sie sehen, wie sich vor mir das Geld häuft. Ich bin der Gast Ihres liebenswürdigen Klubs. Tragen Sie meinen peinlichen Gefühlen gegen Herrn Hull Rechnung, und gestatten Sie mir, um was ich Sie bitte.“

Aber obgleich das in bescheidener Redeform gesagt wurde, klang es doch herrisch, jede Abweisung fortschiebend.

Der Klubdiener beäugte den Gast argwöhnisch. Aber er spielte mit den Karten, die der Klub selber stellte und die stets eben erst aus der Hülle gebrochen wurden.

Das Spiel feuerte in den Kreis. Man trank auch viel. Ein leichter Rausch umsponn den Tisch. Der Gast schloß sich beim Trinken nicht aus. Er benahm sich in keiner Weise auffällig. Er hatte einen ruhigen, lang in jedem Auge, das ihn anschaute, verweilenden Blick, große graue Augen, die etwas Herrenhaftes hatten und die das Spiel kaum zu begleiten schienen. Seine Hände waren groß, massiv und ruhig, als seien sie aus Holz. Den andern, viel jüngern, zitterten schon die Finger vom Widerschein innerer Erregtheit.

Hull spielte weiter, obgleich er seine Tasche immer dünner werden spürte.

Was ist los? fragte er sich immer. Er wollte aufstehen und ein Spiel vorübergehen lassen, um an einem Fenster Luft zu schöpfen und einmal in die Stille der Nacht hinauszuschauen, aus der er einen Strom Ruhe für sich selber atmen zu können hoffte. Aber er saß wie gefesselt auf dem Leder, preßte die Ellbogen auf den roten Filz, und alle Gedanken fielen unbeherrscht aus ihm in eine Leere, wie in die Dimensionslosigkeit eines Schlafs.

Sonst war er nicht gerade ein leichtsinniger Spieler. Er überlegte, verfolgte den Gang des Glücks und war immer dran, ihn auszunutzen, wenn er ihm günstig war, oder sich zu dämpfen, wenn ein anderer an der Reihe war.

Doch an diesem Abend kannte er bald keine Hemmungen mehr. Keine Note hatte einen Wert für ihn. Ja, es war fast als ob er mit Lust verlöre. Mit Genuß seine Noten hinüberwechseln sah. Es mußte nur immer etwas geschehen. Man teilte die Karten viel zu träg. Man verzögerte ins Endlose das Nennen der Einsätze. Das Geld schlich um den Tisch für ihn wie kranke Kröten.

Dazu trank er, und alle Sinne, über die er die Herrschaft verloren hatte, wurden feurig wie Vollbluthengste, die auf einer Heide dem Kutscher durchbrennen. Sie rannten mit ihm in eine Wüste. Es gab keinen Menschen und keinen Weg mehr. Ja, die Luft schien weggeatmet. Er fiel nur hin im Spiel.

Man begann sein Pech zu besprechen. Er bekam schlechte Karten, das war gewiß, aber er spielte auch schlecht. Er war unvernünftig. Man begann von befreundeter Seite aus das Spiel zu zügeln und sprach von letzten Runden.

Hull erfaßte das Wort zuerst nicht. Man mußte es ihm begreiflich machen. Da lehnte er sich auf. Er ward unvermittelt jähzornig, schrie und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Das große Auge des Unbekannten zog sich da leicht etwas von ihm und den andern zurück, und es schien, als glitte es nach innen. Leis erlosch etwas von dem Glanz. Der Gast legte die Karten hin und stopfte das Geld in die Tasche; doch tat er das nur so nebensächlich, als sei es ein Taschentuch. Es stand aber noch eine Runde.

Hull schrie:

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