Die schwarzen Brüder: Eine abentheuerliche Geschichte. 1/3

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Die

schwarzen Brüder.


Eine abentheuerliche Geschichte
von
M. J. R.


Berlin und Frankfurt,
bei Johann Andreas Kunze.

An
Friedrich Behrends
in M***.

 

Mein Vetterchen,

Und fragen Sie tausendmal warum ich nichts bessers, nichts allgemeinnüzzigeres, als einen Roman geschrieben habe, so bekommen Sie doch immer eine und eben dieselbe Antwort, daß ich nämlich just einen Roman schreiben wollte, er mögte so abentheuerlich werden, als er es wolle. Zweitens, weil der größte Theil heutiger Leser nur nach dieser Waare am liebsten zu fragen gewohnt ist, und sie theils in Privatbibliotheken, theils in Lesezirkeln, theils in Lesebibliotheken aufnimmt. Drittens, weil doch auch ein Roman, wenn er nur irgends seinen Mann zu unterhalten weiß, seinen Nuzzen haben kann, aut negative aut positive.

Frage: wie so? — Antwort: weil er, erstlich, hin und wieder auf einen guten Akker ein gutes Saamenkorn streuen kann. Zum andern dient er wenigstens als ein Etwas wider die traurige Langeweile. Ein fetter Landrath vergißt vielleicht über das Lesen einen neuen Anschlag auf die Kasse seiner reichen Bauern, welchen er in langweiligen Minuten ausgegrübelt hatte. Eine verliebte Donna besinnt sich vielleicht in Rüksicht ihres Galans, der unmöglich ihr ehelicher Gemahl werden könnte, eines bessern. Ein runder, orthodoxer Beisizzer des hohen Sinedriums läßt vielleicht, vertieft in meine Plaudereien, einen braven freidenkenden Schriftsteller durchschlüpfen, dessen zum Druk bestimmtes Manuscript sehnlich nach einem vidi von der Hand des Zensors schmachtet. — Eine alte zänkische Tante sieht vielleicht einem liebenden Mädchen durch die Finger zu, und willigt von Herzen in Verlobung und Hochzeit, indem sie hoft, der arme Bräutgam werde mit Gottes Hülfe doch auch noch einmal ein Herr von Sorbenburg. — Ein junger Autor nimmt sich vielleicht beim Lesen meines Romans vor ein unsterblicheres Werk hervorzubringen, als das meinige ist. — Ein Rezensent erwirbt sich vielleicht, um die deutsche Litteratur ein unendliches Verdienst, wenn er meinen armen, abentheuerlichen Roman zum abentheuerlichsten Popanz, zum Vögelscheu und furchtbaren Merkzeichen für alle und jede macht, welche sichs einfallen lassen mögten ein Romänchen zu verfertigen. — —

O sehn Sie doch wie viel Vielleichts! wie einen großen Nuzzen mein Buch bewirken kann! — Doch der größte ist und bleibt, daß ich Gelegenheit habe Ihnen auch hier zu sagen, wie sehr Sie liebt, bewundert und achtet.

Der Verfasser.

Inhalt
dieses Bändchens.

Erster Abschnitt.
Erstes Kapitel. Der rothe Mantel.1
Zweites Kapitel. O, der glücklichen Nachwelt.6
Drittes Kapitel. Der Onkel beweis’t, daß er Graf sei.16
Viertes Kapitel. Und — das ist Liebe! — — —28
Fünftes Kapitel. Ein langes Gesicht.36
Sechstes Kapitel. Der Onkel in der Komödie.45
Siebentes Kapitel. Ein Adelsbrief — Ein Rittergut — Verlobung und — —51
Zweiter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Auch Prinzessinnen haben Herzen.55
Zweites Kapitel. — — Und wen? — —64
Drittes Kapitel. Der arme Florentin!69
Viertes Kapitel. Einige Damen werden behorcht.75
Fünftes Kapitel. Das Strumpfband.82
Sechstes Kapitel. Ein sonderbares Phänomen.100
Siebentes Kapitel. Eine Schäferstunde.106
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Hofnungen von Italien her.115
Zweites Kapitel. Das Wort an einen Fürsten.123
Drittes Kapitel. Supplement zum Vorigen. — Ein Schrek.136
Viertes Kapitel. Wer so stirbt, der stirbt wohl!143
Fünftes Kapitels Schwärmereien Augustens von Gülden.152
Sechstes Kapitel. Der Donner aus der Ferne.162
Siebentes Kapitel. Das Gewitter zieht näher heran.172
Achtes Kapitel. Eine Episode.183
Vierter Abschnitt.
Erstes Kapitel. Holder erscheint wieder.187
Zweites Kapitel. Ein Traum.195
Drittes Kapitel. Zeitungen — Thränen, Flüche, Marionetten.205
Viertes Kapitel. Der Traum hat ein Ende.210
Fünftes Kapitel. Gute Nacht, Florentin. — Auch ein Postscriptum an den Leser!227

Die
schwarzen Brüder.

Erster Abschnitt.1)

Erstes Kapitel.
Der rothe Mantel.

Es war ein fürchterlicher Abend; ein Donnerschlag verjagte den andern; der Sturm pfif über die Felder und entwurzelte Eichen, der Regen schos so dicht und häufig, daß es ein Wolkenbruch zu sein schien.

„Mein Gott!“ keuchte der alte Graf von Duur, der sich auf der Jagd verspätet hatte, vom Sturm Regen und Donnerwetter plözlich überfallen war, und nun um alles in der Welt gern auf seinem Landschlosse zu sein wünschte: „Mein Gott, das stürmt ja alles auf mich armen Schach ein, als bräche der jüngste Tag auf! — Mein Odem ist weg, mein Seel, ich erstikke, wenn ich nicht bald zu dem verwünschten Schlosse komme!“ Der Leser mus wissen, daß der alte Herr etwas schwer vom Leibe war.

„Verwünscht, daß ich auf die Jagd hinauswatschelte; aber wer konnte das leidige Ungestüm riechen? und obendrein keinen Sperling geschossen! was der Bastholm nun lachen wird!“

Der gute, alte Mann hatte nämlich mit dem benachbarten Gutsbesizzer, dem Herrn von Bastholm, um zehn Flaschen Tokaier gewettet, wer den Tag das meiste von der Jagd heimbringen würde.

Und die arme Friedrike! was das Mädchen sich ängstigen wird, wenn sie mich nicht zurükkommen sieht in dem Ungewitter! „Hätt’ ihr wohl die Sorge ersparen können.“

Friedrike war die Niece des alten Grafen; Er erzog sie selbst, liebte sie mehr als eine Tochter; denn er war ohne Kinder, und Friedrike ohne Eltern.

„Ah, poz Henker und was mir da einfällt, Florentin kömmt ja, nach seinen Briefen, heut von der Universität zurük! He, Alter ’s war ein erzdummer Streich mit deiner Jagd! da ist der Junge vielleicht schon in meinem Zimmer, da liegt er wohl schon dem Mädchen in den Armen, die sich nicht satt sehen und satt küssen kann an ihrem Bruder! — ’s ist doch der Mensch manchmahl zu erzdummen Streichen geboren! —“

Er verdoppelte jezt seine Schritte, um spornstreichs seinem Neveu in die Arme zu fliegen, aber er rannte sich bald ausser Athem, und war gezwungen mitten im Regen seinen gemächlichen Spazierschritt beizubehalten. Hier soll er zum erstenmahl auf seinen stattlichen Bauch böse geworden sein.

„Länger halt ich’s nicht aus! es ist zu arg, bin nas am ganzen Leibe und die Straße ist ein wahrer Mordweg! — Meine Perükke ist, Gott sei bei uns, auch —“ —

Hier schwieg er plözlich still, denn er gewahrte einer Gestalt, die dicht hinter ihm herschritt. Ihm kam ein Grausen an. Es blizte — er sah sich in eben dem Augenblik um, und erblikte den hinter ihm Wandelnden von oben bis unten blutroth.

Seine Angst vermehrte sich bei jedem Athemzuge, er sprang in einen Nebenweg, den er entdekte, und der fremde Bluthrothe sprang ihm nach. — „Hier soll’s irre gehn, ich hab’s oft gehört!“ dachte er bei sich, und dehnte seine Füße von einander zur Flucht. Kaum war er vier Schritt gelaufen, so glitschte er auf dem schlammigten Fußsteig aus und fiel.

Es blizte. Die Gestalt stand neben ihm, faßte ihm mitleidig unter die Arme und hob ihn auf.

„War der Fall hart?“ fragte der Fremde.

„Ich fühle nichts!“

„Ist nicht ein Wirthshaus, oder ein Dorf in der Nähe wo man untertreten könnte?“

„Ich denke — ich denke nicht weit.“

„Es ist ein grimmiger Regen, doch bin ich solcher Witterung vielleicht mehr gewohnt, als Sie. Sie dauern mich, Kann ich mit meinem Mantel aufwarten!“

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